Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten by Alessandro Baricco

Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten by Alessandro Baricco

Author:Alessandro Baricco
Language: deu
Format: epub
ISBN: 3-492-04104-3
Publisher: Piper Verlag


(Ein unglaublich virtuoses Stück erklingt, vielleicht vierhändig gespielt. Es dauert nicht länger als eine halbe Minute. Es endet mit einer Breitseite von Fortissimo-Akkorden. Der Schauspieler wartet, bis es vorbei ist, dann spricht er weiter.)

So.

Die Zuhörer lauschten gebannt, ohne Luft zu holen. Vollkommen atemlos. Die Augen starr auf das Klavier gerichtet und mit offenem Mund, wie komplette Idioten. Auch nach dem vernichtenden Akkordhagel am Schluß, der aus hundert Händen zu bestehen schien, so daß es klang, als müsse das Klavier jeden Augenblick explodieren, blieben sie noch so: mucksmäuschenstill und total perplex. In dieser Totenstille stand Novecento auf, nahm meine Zigarette, beugte sich etwas vor, noch über die Tasten, und hielt sie an die Saiten des Klaviers.

Leichtes Knistern.

Er zog sie zurück, und sie brannte.

Wirklich wahr.

Sie brannte prächtig.

Novecento hielt sie in der Hand wie eine kleine Kerze. Er war Nichtraucher, er wußte nicht mal, wie man sie zwischen den Fingern hält. Er ging ein paar Schritte auf Jelly Roll Morton zu. Er gab ihm die Zigarette.

»Rauch du sie. Ich kann das nicht.«

Da erwachten die Leute aus ihrer Verzückung.

Ein Feuerwerk aus Rufen, Beifall und Radau prasselte los, ich weiß auch nicht, so was hatte es noch nie gegeben, alle schrien durcheinander, alle wollten Novecento anfassen, ein einziger Tumult, man sah überhaupt nicht mehr durch. Aber ich sah ihn, da mittendrin, Jelly Roll Morton, wie er nervös an dieser verdammten Zigarette zog und versuchte, das passende Gesicht zu machen, ohne es zu finden, er wußte nicht mal so richtig, wo er hinsehen sollte, und auf einmal begann seine Schmetterlingshand zu zittern, sie zitterte wirklich, ich sah sie und werde es nie vergessen, sie zitterte so stark, daß sich die Asche der Zigarette plötzlich löste und runterfiel, zuerst auf seinen schönen schwarzen Anzug und dann weiter bis auf seinen rechten Schuh, einen schwarzglänzenden Lackschuh, diese Asche wie ein weißer Hauch, er sah sie an, ich weiß es noch genau, sah den Schuh an, den Lack und die Asche, und er verstand; was es zu verstehen gab, verstand er, er machte kehrt, und langsam, Schritt für Schritt, so langsam, daß die Asche nicht abfiel, ging er durch den großen Saal und verschwand zusammen mit seinen schwarzen Lackschuhen. Und auf einem von ihnen war ein weißer Hauch, und er nahm ihn mit sich fort, und darin stand geschrieben, daß jemand gewonnen hatte, und das war nicht er.

Jelly Roll Morton verbrachte den Rest der Reise in seiner Kabine. Nach der Ankunft in Southampton verließ er die Virginian. Tags darauf fuhr er nach Amerika zurück. Allerdings auf einem anderen Schiff. Er hatte die Nase voll von Novecento und allem anderen. Er wollte zurück und damit basta. Gegen die Schiffswand gelehnt, sah Novecento vom Deck der dritten Klasse aus, wie er mit seinem schönen weißen Anzug und den ganzen schönen Koffern aus hellem Leder von Bord ging. Und ich weiß noch, daß er nichts weiter sagte als:

»Und ich scheiß auch auf den Jazz.«

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